Freitag, 11. November 2011

Bildungsproblem: Im Fremdsprachenunterricht kommt das Sprechen viel zu kurz

Sprechen kommt im Fremdsprachenunterricht zu kurz

Als Lehrerin für Französisch und Spanisch am Gymnasium beobachte ich im Unterrichtsalltag, dass das aufgabengebundene Sprechen [1] viel zu kurz kommt, obwohl es sowohl im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GER) als auch in den nationalen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) als eines der Hauptziele eines kompetenzorientierten Fremdsprachenunterrichts gefordert wird. Sprechen beschränkt sich in der Unterrichtspraxis auf Übungen zur Aussprache, dem lauten Vortragen von schriftlichen Hausaufgaben und dem Vorlesen von Lektionstexten sowie der Beantwortung von Lehrerfragen zu schriftlichen Texten. In anderen Unterrichtsphasen schreiben die Schüler[2] Dialoge, die sie mit oder ohne Textvorlage vortragen und manchmal finden Diskussionen in der Zielsprache statt, die von den Schülern im Vorfeld schriftlich vorbereitet werden. In der internationalen Schulleistungsstudie DESI [3] 2006 wurde festgestellt, dass Lehrkräfte im Englischunterricht doppelt so viel sprechen wie alle ihre Schüler zusammen (Klieme 2008). Für den einzelnen Schüler bleibt wenig Redezeit übrig. Wie soll sich aber die Kompetenz, in der Fremdsprache mündlich zu kommunizieren, entwickeln, wenn jeder Schüler im Durchschnitt rein rechnerisch gerade einmal eine halbe Minute pro Unterrichtsstunde spricht? Schüler gelangen erst außerhalb des Klassenzimmers zur mündlichen Sprachverwendung in realen Situationen, wenn sie etwa an einem Schüleraustausch teilnehmen, mit den Eltern ins Ausland reisen oder Brieffreunde treffen. Doch sollte es auch im regulären Unterricht möglich sein, authentische Sprechanlässe zu schaffen und den Sprechanteil jedes einzelnen Schülers zu erhöhen. Die Entwicklung des Internets zum Web 2.0, dem so genannten Mitmachnetz, sowie die Implementierung von Lernplattformen wie Moodle eröffnen neue Möglichkeiten der digitalen mündlichen Sprachproduktion und können zur Lösung des genannten Bildungsproblems beitragen. Sprechen mit Medien beschränkt sich mit Moodle nicht mehr auf das reine Nachsprechen oder die Habitualisierung grammatischer und lexikalischer Strukturen wie zu Zeiten der Sprachlabore. Die Sprachverwendung vollzieht sich vielmehr in authentischen und bedeutungsvollen Kontexten. Reales Sprachhandeln wird möglich und sowohl kompetenz- als auch handlungsorientierter Fremdsprachenerwerb kann stattfinden.

[1] Monologisches und dialogisches Sprechen auf den Niveaustufen A1 bis B2
[2] Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, wird auf die zusätzliche Formulierung der weiblichen Form verzichtet. Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form soll explizit als geschlechtsunabhängig und neutral verstanden werden.
[3] Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International

Literatur 
Klieme, Eckhard 2008. Unterricht und Kompetenzerwerb in Deutsch und Englisch: Ergebnisse der DESI-Studie. Weinheim: Beltz. (Beltz Pädagogik).

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